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Das Kundenmagazin der KRUG Gruppe 11 10 dass man einen warmen Ziegenkäse beliebig formen kann – und dass er beim Erkalten seine neue Form beibehält. Damit hat Seidel als erster die Eigenschaften eines thermoplastischen Kunststoffs beschrieben. Die theoretischen Grundlagen wurden freilich erst Jahrhunderte später erkannt und erforscht, aber ein Anfang war immerhin gemacht. Die Blütezeit der Kunststoffe begann allerdings erst im 19. Jahrhundert. Die Bevölkerung wuchs und damit die Nachfrage nach Rohstoffen. Holz und Metalle wurden durch diese Entwicklung knapper und damit auch teurer. Alternativen waren gefragt. Andere, neue Materi- alien mussten her, um mehr produzieren zu können. Hier ein schneller Ritt durch die Kunststoffgeschichte: 1839 entdeckte Charles Goodyear, dass sich der Saft des Kautschukbaums durch Erhitzen und die Zugabe von Schwefel in Gummi verwandelt. Eine umwälzende Erfindung, die sich zuerst im Gießen von Gummihandschuhen manifestierte. Ein weiterer Meilenstein in der Kunststoff-Entwicklung ist Schellack. 1869 erfand John Wesley Hyatt das Celluloid und drei Jahre später die erste Spritzgussmaschine. Der erste industriell her- gestellte Kunststoff war Bakelit(e), entwickelt vom Chemiker Leo Hendrik Baekelan und 1907 zum Patent angemeldet. Dieses hitzebeständige Material wurde lange Zeit für die Herstellung von Telefonen, Toastern und Föhnen verwendet. Der Münchner Chemiker Dr. Ernst Richard Escales bezeichnete im Jahr 1910 die Kunststoffe erstmals mit dem Namen „Kunst- stoff“. 1912 entwickelte Fritz Klatte ein industrielles Verfahren zur Herstellung von Polyvinylchlorid (PVC). Übrigens bestehen auch Schallplatten aus Polyvinylchlorid, daher die Bezeich- nung „Vinyl“. Als Vater der deutschen Polymerchemie gilt der deutsche Chemiker Hermann Staudinger. 1920 veröffentlichte er einen Artikel, der als Begründung der modernen Polymer­ wissenschaften gilt. Bis 1928 entwickelte er weitere wichtige Theorien über den Aufbau von Kunststoffen und wurde dafür 1953 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Mit dem von Otto Röhm 1928 angemeldeten Patent für Polymethylmethacrylat, besser bekannt als Plexiglas, wurde eine neue Ära eingeläutet. Von jetzt an jagte eine Entwicklung die nächste: 1931 Polyethylen, 1934 Epoxidharze, 1935 Melamin-Formalde- hydharz und Polyamid 66 (Nylon), 1937 Buna S und Buna N, Polyurethan, 1938 Polytetraflourethylen (Teflon), Polyethylen (PE-LD), 1941 Polyethylenterephthalat (PET), 1942 Methylcy- anoacrylat. Anfang 1950 stellte der deutsche Chemiker Karl Ziegler Polymere nach einem neuen Verfahren her, das von Giulio Natta weiterentwickelt wurde. Beide erhielten im Jahre 1963 für ihre Arbeiten zur Herstellung von Polypropylen den Nobelpreis für Chemie. Plaste und Elaste Durch die Entwicklung der Thermoplaste und neue Verarbei- tungsverfahren war es möglich, Formteile enorm preiswert herzustellen. Nur ein Beispiel von vielen: der Trabbi. Mit „Plaste und Elaste aus Schkopau“ wurde Geschichte geschrieben. Der Trabant bestand aus bis zu 100 Lagen mit Phenolharz getränk- ten Baumwollresten – quasi eine Spar-Form des glasfaserver- stärkten Kunststoffs (GFK). Kunststoff kann auch Kunst Ohne Kunststoff wäre unsere Welt ärmer und in so manchem Museum wären noch Plätze frei. Wer kennt sie nicht, die Star-Stühle von Panton und Eames. Verner Panton entwarf 1960 den berühmten Freischwinger, den ersten vollständig aus Kunststoff gefertigten Stuhl. In Zusammenarbeit mit Vitra ging er 1967 in Serie und zählt zu den Klassikern des Pop Art. Bereits 1950 erblickte der Eames Plastic Chair das Licht der Welt, damals noch aus Fiberglas hergestellt, heute aus Polypropylen. 1973 ehrte das Museum of Modern Art den De- signer mit der Ausstellung „Furniture by Charles Eames“. Und auch der deutsche Architekt Walter Gropius setzte auf Plastik im Bauhaus. Die Faszination Kunststoff ist bis heute ungebro- chen. Führende Vertreter aus Forschung, Industrie und Anwen- dern haben deshalb 1986 den Kunststoff-Museums-Verein und das Deutsche Kunststoff-Museum gegründet. Das Besondere daran – es gibt keine Ausstellungsräume, das Museum ist mit Wanderausstellungen deutschlandweit unterwegs. Die Zukunft Kunststoff wird kontinuierlich weiterentwickelt. Neue Kunst- stoffe in Fleischverpackungen sollen zum Beispiel Mikroben abtöten. Im Zuge der Nachhaltigkeit kommt den sogenannten Biokunststoffen eine immer größere Bedeutung zu. Sie werden aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, zum Beispiel aus Soja, Mais und Zuckerrohr oder sogar aus Überresten von Tieren. So wird am Institut für Lebensmitteltechnologie und Agro-Chemie in Valencia an einem Kunststoff geforscht, der aus Chitosan, den Schalen von Krebstieren, gewonnen wird. Mehr Informationen zum Kunststoff-Museum gibt es unter www.deutsches-kunststoff-museum.de Multitalent Kunststoff.

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